Einleitung

Von Heinz-Werner Jezewski

Ich will an dieser Stelle ein paar Geschichten erzählen, die sich zwischen dem 03. Und dem 23.Mai 1945, also in dem Zeitraum, in dem unsere Stadt Sitz der geschäftsführenden Reichsregierung des verbrecherischen Nazi-Regimes war, hauptsächlich in Flensburg, aber auch in anderen Städten Deutschlands und Europas abgespielt haben.

Geschichte ist oft unpersönlich und abstrakt. Geschichten aber sind meist persönlich und begreifbar. Dabei besteht Geschichte eigentlich aus Geschichten. Mir kommt es dabei weniger auf die absolute Genauigkeit an, als auf die Menschen und ihre Schicksale. Wenn also einmal ein Datum um einen Tag verwechselt oder ein Vorname falsch geschrieben ist, dann ist das keine böse Absicht sondern dem Wichtigeren geschuldet.

Wer darauf aber Wert legt, dem seien die hervorragenden Werke von Historikern empfohlen, die diese Zeit mit einem anderen Ansatz, dafür aber wissenschaftlich korrekt und penibel dokumentiert haben


09. Mai - Johann Christian Süß

Deserteursdenkmal in Flensburg (Foto: Herbstlaub@Wikimedia Commons, CC0 1.0 - Bild klicken für mehr Infos)

Während beinah in ganz Europa am 09. Mai 1945 mittlerweile die Waffen schwiegen und der Krieg beendet war, erreichen vier britische Offiziere mit einem Voraustrupp Flensburg, sie wollen die Übernahme der Stadt vorbereiten. In seinen Erinnerungen schreibt Colonel Peter Andrews

"Es war ein eigenartiges Gefühl, vier britische Offiziere bewegen sich frei durch die Menschen auf den Straßen, von denen die Mehrheit ein oder zwei Tage zuvor noch der Feind gewesen war. Wir erlebten keine offene Feindschaft.“

Über den „Reichssender Flensburg“ hören die Menschen einen Auszug aus dem letzten Wehrmachtsbericht:

"Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt: Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen. Auf Befehl des Großadmirals hat die Wehrmacht den aussichtslos gewordenen Kampf eingestellt. Damit ist das fast sechsjährige heldenhafte Ringen zu Ende. Es hat uns große Siege, aber auch schwere Niederlagen gebracht. Die deutsche Wehrmacht ist am Ende einer gewaltigen Übermacht ehrenvoll unterlegen.“

Auf den Schiffen des sauberen „Großadmirals“ ist das offenbar nicht angekommen. An Bord eines Schiffes in Flensburg macht sich ein 21jähriger Maschinen-Gefreiter am 7. und 9. Mai 1945 der "Untergrabung der Manneszucht" durch "zersetzende Reden" schuldig. Der Name des jungen Mannes ist Johann Christian Süß.

Süß scheint kein einfacher Soldat gewesen zu sein. Bereits im April 1943 berichtet sein Vorgesetzter seinem Vater von den disziplinarischen Schwierigkeiten, die er mit dessen Sohn habe.

An diesem 09. Mai 1945 hat Süß offenbar einfach die Nase voll von diesem sinnlosen und mittlerweile ja auch beendeten Krieg. Wie genau sich der Vorfall zugetragen hat oder was Süß denn überhaupt noch hätte „zersetzen“ können, ist nicht bekannt, die Akten scheinen verschwunden zu sein.

Am 10. Mai wird Süß vor ein „Kriegsgericht“ gestellt und zum Tode verurteilt, am 11. Mai auf dem Schießstand in Flensburg Mürwik ersschossen.

Süß Familie erfährt von dem Mord an ihrem Sohn zuerst einmal gar nichts. Für seinen Vater gilt der Sohn als „verschollen“. Erst 1952, sieben Jahre später, ändert sich das. Das Flensburger Standesamt erfährt, dass auf dem Schießstand in Mürwik die Leichen erschossener Soldaten verscharrt worden sein sollen. Die Behörde ordnet eine Suche und Exhumierung an, gefunden werden neben den Überresten Johann Süß auch die Leichen von Willi Albrecht, Karl -Heinz Freudenthal und Günther Källander, von denen in diesen Texten schon die Rede war. Die Männer werden auf dem Friedhof am Friedenshügel bestattet.

Im Dezember 1952 wird dem Vater des Ermordeten lapidar mitgeteilt, "Ihr Sohn Johann Christian Süß wurde am 11. 5. 1945 in Flensburg-Mürwik erschossen.“

Gegen Süß Mörder, der Marinerichter Theodor Constabel als Richter und der Vizeadmiral Bernhard Rogge (auch von ihm war hier schon die Rede), aber natürlich konnten sie vor der bundesrepublikanischen Justiz nachweisen, dass sie nur nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hatten und dass sie absolut unschuldig waren. Ihren Karrieren nach dem Krieg schadete der Mord kein Bisschen.

Der Fall Süß, der ja eigentlich der Fall Constabel oder der Fall Rogge hätte sein müssen, erschütterte 1965 aber zumindest einen kleinen Teil der Republik und der Stadt Flensburg. Dass es noch nach der Beendigung des Krieges solche sinnlosen Todesurteile gegeben hatte, war nun wirklich nicht mehr zu erklären.

Einige Jahre später, 1978, brachte der Schriftsteller Rolf Hochhut ans Licht, dass auch der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Hans Filbinger, als Marinerichter nach Kriegsende Todesurteile gefällt und diese hatte vollstrecken lassen.

All diese Skandale (und noch viele weitere mehr) führten dazu, dass es mehr als 50 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus endlich zu einer Diskussion über diese Untaten des Verbrecherregimes kam. 2009 schließlich wurden alle Urteile der Nazi-Justiz wegen „Kriegsverrats“ endlich aufgehoben, die Initiative ging von dem Linken-Abgeordneten Jan Korte aus. Ob allerdings auch das Urteil gegen Johann Christian Süß wegen "Untergrabung der Manneszucht" durch "zersetzende Reden" davon betroffen ist, kann ich rechtlich nicht beurteilen.

Dass es aber ein politischer Skandal ist, dass keine Kaserne, kein Schiff und keine sonstige Einrichtung der Bundeswehr nach einem Mann wie Johann Süß benannt ist, das kann ich sehr wohl beurteilen. Nun ist es für uns als Flensburger wohl nur schwer möglich, diese Tatsache zu ändern. Trotzdem können wir etwas tun, um diesen jungen Soldaten im Nachhinein zu rehabilitieren und zu ehren.

Ich hielte es für ein wirklich großartiges Zeichen, wenn wir den unteren Teil der Roten Straße, zwischen der Töpferstraße und der Friedrich-Ebert-Straße, umbenennen würden in Johann-Christian-Süß-Straße. Diese Straße hat zwar nur wenige Anwohner (was wiederum die Umbenennung einfach macht), ist aber so zentral und prominent gelegen, dass der Name des von den Nazis ermordeten jungen Mannes nicht mehr in Vergessenheit geraten würde. Zudem befindet sich in dieser Straße das Deserteursdenkmal, das gewidmet ist „… Menschen, die sich nicht missbrauchen ließen für einen verbrecherischen Krieg“. Welch eine passende Beschreibung für Johann Christian Süß!


08. Mai - Der Tag der Befreiung

Der 8. Mai wird zwar heute in ganz Westeuropa als „Tag der Befreiung“ gefeiert, passiert ist 1945 an diesem Tag aber beinah nichts, das herausragend gewesen wäre. Nun gut, die Kapitulation von Reims trat in Kraft, in weiten Teilen Deutschlands legten die Soldaten der geschlagenen Nazi-Armee die Waffen nieder und ergaben sich den Soldaten der Siegermächte. Auf höherer Ebene wurden die führenden Offiziere nach Karlshorst bei Berlin geflogen um dort in Anwesenheit aller Siegermächte erneut zu kapitulieren.

In Flensburg war davon noch nichts zu spüren. Hier saß Karl Dönitz und hatte ganz andere Dinge um die Ohren. Es ging darum, die Weichen zu stellen für den neuen Staat, von dem allerdings noch niemand wusste, wie er aussehen würde. Trotzdem war vielen schon klar, in welche Richtung es gehen würde. In diesen frühen Maitagen wurde begonnen, die Entwicklung der Bundesrepublik vorzubereiten.

Natürlich war es da schon klar, dass es für den Aufbau des neuen Staates Menschen brauchen würde, die möglichst „unbelastet“ von den Verbrechen des Nazi-Regimes sein müssten. So wurde damit begonnen, die prominentesten Chargen ans Messer der Alliierten zu liefern. Viele von ihnen waren erbärmliche Feiglinge, die natürlich genau wussten, dass ihnen nicht etwa „kurzer Prozess“ gemacht werden würde, sondern dass ihnen ordentliche Gerichtsverfahren bevorstanden, in denen ihre Schuld zweifelsfrei bewiesen werden würde. Sie entzogen sich der Verantwortung durch Selbstmord. Nicht einmal das schafften viele, Hitler selbst ließ sich von Untergeben erschießen, viele andere nahmen sich mit Giftkapseln das Leben.

Nachdem klar war, dass man die Schuld auf wenige würde abschieben können, die noch am Leben waren, ging es nun darum, die darunter stehenden weiß zu waschen. Daher auch der Begriff „Persilschein“ für ein entlastendes Zeugnis der Entnazifizierungskommissionen der Siegermächte.

Jetzt wurden aus Kriegsverbrechern und Verbrechern an der Menscheit „Befehlsempfänger“, aus wirklichen Befehlsempfängern, die das gerne getan hatten wurden „Mitläufer“ und aus Mitläufern, die meist auch mit viel Freude an den Verbrechen beteiligt waren, wurden „Unbelastete“. Zum guten Schluss wurden aus den unbelasteten „Widerstandskämpfer“. Und manchmal waren die Sprünge noch größer. So wurde zum Beispiel Arthur Nebe, als Reichskriminaldirektor am Versuch der Beseitigung Hitlers am 20. Juni 1944 beteiligt, lange Zeit als Widerstandskämpfer geführt, bis herauskam, dass er nicht nur an der Vergasung von Juden und Sinti und Roma, sondern auch aktiv am Euthanasieprogramm der Nazis beteiligt war.

Über die Notwendigkeit dieser Verschleierung der Mittäterschaft waren sich alle Beteiligten einig. Der neue Staat würde Millionen Menschen brauchen, um zu funktionieren, und Millionen rechtschaffene und unbelastete gab es nicht. Wer sollte also Recht sprechen, Gesetze erlassen, die Kinder erziehen oder Kranke heilen?

Die Schriftsteller Bernhard Schlink und Walter Popp legen einer ihrer Romanfiguren, einem ehemaligen SS-Offizier in den achtziger Jahren Sätze in den Mund, die den Gründungskonsens der Bonner Republik trefflich beschreiben:

„Dass die Jahre zwischen 1933 bis 1945 vergessen bleiben, ist das Fundament, auf dem unser Staat gebaut ist. Gut, ein bisschen Spektakel mit Prozessen und Urteilen mussten und müssen wir wohl machen. Aber es hat 1945 keine Nacht der langen Messer gegeben, und das wäre die einzige Möglichkeit der Abrechnung gewesen. Dann war das Fundament besiegelt.“

Die Verhinderung dieser „Nacht der langen Messer“, den reibungslosen Übergang von einem verbrecherischen zu einem demokratischen Staat, und zwar ohne das Personal zu sehr auszuwechseln, das war Dönitz Aufgabe, nicht etwa die Rettung von Zivilisten und Soldaten der Wehrmacht aus dem Einflussbereich der sowjetischen Truppen.

Die Liste derer, die diesen Entwicklungen Karriere, Wohlstand und Ansehen verdanken würde jeden Rahmen sprengen. So wurde nicht der Antifaschist Kurt Schumacher erster Bundespräsident, sondern der – obwohl selbst verfolgte – immer wieder die Verbrechen der Nazis relativierende Theodor Heuss. Kurt Georg Kiesinger, während des Krieges in der Propagandaabteilung des Außenministeriums an führender Stelle tätig, schaffte es gar zum Bundeskanzler. Auch der Nazi-Jurist Karl Carstens wurde Bundespräsident.

Nicht anders sah es in Schleswig-Holstein aus. So gab es im ersten CDU-Kabinett nach dem Krieg nur einen Minister, der nicht NSDAP-Mitglied gewesen war. Mit Hans-Adolf Asbach hatte unser Land später sogar einen Kriegsverbrecher als stellvertretenden Ministerpräsidenten, der sich seiner Verantwortung für die Ermordung hunderter Juden in Polen durch seinen natürlichen Tod in den siebziger Jahren entzog. Bis dahin hatten die Netzwerke, die in den ersten Maitagen 1945 gesponnen wurden, die Eröffnung eines Verfahrens verhindern können.

In Flensburg hatten zwei Nazi-Schergen besonders gewütet. ES waren dies die Oberbürgermeister Wilhelm Sievers und Ernst Kracht.

Der Jurist Sievers, der schon seit 1925 Parteimitglied gewesen war, hatte das Amt des Oberbürgermeisters von 1933 bis 1936 inne, als er wegen eines parteiinternen Streits abgesetzt wurde. Nach einigen Jahren der „Bewährung“ wurde er Oberbürgermeister von Brandenburg, wo er als SS- und SD-Mitglied das Niederbrennen der örtlichen Synagoge, den Tod mindestens einer jüdischen Ärztin und weitere Verbrechen verantwortete. Nach dem Krieg wurde er wegen seiner Mitgliedschaft in SS und SD zu einer kurzen Haftstrafe verurteil, auf die sein Aufenthalt im amerikanischen Internierungslager angerechnet wurde.

1955 bis 1959 war Sievers Stadtpräsident der Stadt Kiel, nach seinem Tod 1966 würdigte ihn der Magistrat der Stadt als „aufrechten Demokraten“. Erst 2013 wurde sein Portrait aus der Galerie der ehemaligen Stadtpräsidenten im Kieler Rathaus entfernt.

Im Flensburger Rathaus hängt es immer noch, versehen mit einem erläuternden Text.

Ernst Kracht, Parteimitglied seit 1933 und seit 1937 auch SS-Mitglied, der von 1936 bis zum Zusammenbruch Oberbürgermeister in Flensburg war, wurde nach dem Krieg als „Mitläufer“ eingestuft und später sogar „entlastet“. Von 1950 bis 1958 war er Chef der Staatskanzlei der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung, also an der Spitze der Behörde, in der sämtliche Personalentscheidungen in der Verwaltung des Landes vorbereitet oder genehmigt wurden.

Auch Krachts Portrait hängt nach wie vor im Flensburger Rathaus.

Bezeichnend auch die Liste derer, die wussten, dass der als Kriegsverbrecher gesuchte Werner Heyde, Mitinitiator des NS-Euthanasieprogrammes und verantwortlich für den Tof von mehr als 80.000 Menschen, unter dem Namen Sawade in Flensburg lebte und von guten Aufträgen der Gerichte und Krankenkassen lebte. Insgesamt 22 Personen wussten dies nachweislich, darunter der Präsident des Schleswiger Landessozialgerichts, Dr. Ernst-Siegfried Buresch, der Leitende Regierungsdirektor im Wehrbereich I, Dr. Bruno Bourwieg, der Senatspräsident des Landessozialgerichts in Schleswig, Richard Michaelis, der Landessozialgerichtsrat Dr. Max Meinicke-Pusch; der Sozialgerichtsdirektor Hartmut Gerstenhauer und die Sozialgerichtsrätin Maria Stumpf, der Landgerichtsrat Schlüter, der Flensburger Oberstaatsanwalt Biermann, der Leiter des schleswig-holsteinischen Landesgesundheitsamtes in Kiel, Ministerialrat Hans Heigl, Generalstaatsanwalt Dr. Adolf Voß, Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel und Kultusminister Odo Osterloh.

Verurteil wurde in dieser Affäre allerdings nur einer, und zwar zu sechs Monaten Gefängnis mit Bewährung: Der Journalist Volkmar Hoffmann, der die Verwicklung der Politiker in diesen Skandal öffentlich gemacht hatte.

Nimmt man jetzt noch die wirklichen Mitläufer hinzu, wie zum Beispiel Günter Grass, der nach eigenen Angaben als Mitglied der Waffen-SS auf seinem Panzer „nur“ für das Nachladen der Waffen, keinesfalls aber für das Schießen zuständig war und später zur moralischen Instanz unseres Landes, ja beinahe der ganzen Welt aufstieg und dafür den Nobelpreis erhielt, sieht man recht gut, dass Dönitz und seine Bande ihren Auftrag beinahe perfekt erfüllt haben.

Der Übergang vom barbarischen Nazi-Regime, verantwortlich für den Tod von geschätzt 80 Millionen Menschen zum demokratischen Musterstaat ging reibungslos vonstatten. Sicher, „ein bisschen Spektakel mit Prozessen und Urteilen mussten und müssen wir wohl machen“, aber „die Nacht der langen Messer“, die einzige Möglichkeit der Abrechnung hat dieses Pack verhindert.

Das Leid der Opfer und das Leid der Nachfahren dieser gequälten und ermordeten Menschen hat sie nicht interessiert.


07. Mai - Kapitulation? Nicht in Flensburg...

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Der 7. Mai 1945 wäre eigentlich der richtige Tag, um die Freude über die Befreiung Europas von der deutschen Barbarei zu feiern. Um 02.41 Uhr unterzeichnet Generaloberst Alfred Jodl in Anwesenheit seines Adjutanten Oberst Wilhelm Oxenius und des Admirals Hans Georg von Friedeburg in einem Schulhaus in Reims die Urkunde über die bedingungslose Kapitulation Deutschlands.

Bedingungslos, das bedeutet, dass die Deutschen sich den Siegern des Krieges, Der Sowjetunion, den Vereinigten Staaten von Amerika und dem Vereinigten Königreich Großbritannien komplett ausliefern. Dass die Siegermächte auf einer bedingungslosen Kapitulation bestanden haben, hat gute Gründe.

Alleine in der Sowjetunion haben die Deutschen in den Jahren zuvor etwa 14 Millionen Zivilisten umgebracht, dazu fielen etwa 13 Millionen Sowjetsoldatinnen und –Soldaten bei Kriegshandlungen. Wesentlich schlimmer war dieses Verhältnis in Polen. Dort starben etwa 300.000 Soldaten, aber 2,7 Millionen Zivilisten wurden von den Deutschen ermordet. Etwa 5,2 Millionen Soldaten und 1,2 Millionen Zivilisten starben durch den Nazi-Krieg in Deutschland. Im heutigen Diskurs gern unterschlagen werden die 13,5 Millionen Toten in China und die 3 Millionen in Indien, in beiden Ländern in der Mehrzahl Zivilisten.

Mehr als 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens wurden auf bestialische Weise von den Deutschen und ihren europäischen Helfern abgeschlachtet. Dazu kamen Mehr als 3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene, mehr als 200.000 Sinti und Roma, etwa 250.000 Menschen die im Zuge des „Euthanasie“-Programms dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer fielen und zwischen 3,5 und 4,5 Millionen Nichtjüdische Zivilisten, KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Deportierte. Insgesamt beziffern seriöse Schätzungen die Zahl der Opfer dieses deutschen Krieges auf etwa 80 Millionen.

Damals waren die genauen Zahlen natürlich noch nicht bekannt, aber eins war allen Verantwortlichen klar: Der Tod war ein Meister aus Deutschland. Nur zu verständlich also, dass die Alliierten auf einer bedingungslosen Kapitulation bestanden. Dönitz hatte Jodl also mit einer Vollmacht nach Frankreich geschickt, in Reims die Kapitulation zu den von den Siegern bestimmten Bedingungen zu unterzeichnen.

Wer nun denkt, dass auch die „Macht“-haber in Flensburg endlich begriffen hätten, was Sache war, der irrt ganz erheblich. Per Befehl legt Dönitz fest, dass der Hitlergruß der Gruß der Wehrmacht bleibt, obwohl die britischen Befehlshaber dieses Zeichen der Diktatur verboten haben. Das Nichterwidern dieses Grußes wird zumindest im Sonderbereich Mürwik, überall woanders hat der Möchtegern-Reichspräsident längst keinen Einfluss mehr, weiterhin disziplinarisch verfolgt.

An diesem 07. Mai um 12:45 Uhr hält von Krosigk über den „Reichs“-Sender Flensburg eine Ansprache an die Bevölkerung. Das wohl bemerkenswerteste Zitat dieser Ansprache lautete: “Wir müssen uns den Weg durch das Dunkel der Zukunft durch drei Sterne erleuchten und führen lassen, die stets das Unterpfand echten deutschen Wesens waren: Einigkeit und Recht und Freiheit.” Ob unsere Politiker, Fußballspieler und andere wohl wissen, in welch unseligem Kontext der Text unserer Nationalhymne 1945 gebraucht worden war?

In Flensburg wird man diesen 07. Mai 1945 mit gemischten Gefühlen verlebt haben. Beinahe sechs Jahre Krieg lagen hinter den Menschen, 12 Jahre alt war das „tausendjährige“ Reich geworden. Viele hatten in dieser Zeit enorm profitiert. Jüdische Flensburgerinnen und Flensburger waren deportiert und ermordet worden, ihre Besitztümer hatten die Nazis unter sich und ihren Claqueuren verteilt. Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter waren inhaftiert und zum Teil ebenfalls ermordet worden, all das hatte Menschen Karrieren ermöglicht, die sie sonst kaum gemacht hätten. Nennenswerten Widerstand hatte es – außer in den ersten Jahren der Diktatur – in Flensburg kaum gegeben.

Auch der Krieg hatte die Stadt nicht annähernd so stark getroffen, wie andere Orte, was wohl auch ein Grund dafür war, dass es Dönitz und Konsorten hierher gezogen hatte.

Aber all dies wurde in den ersten Maitagen 1945 ausgeglichen. Nicht nur dass die Flensburgerinnen und Flensburger das letzte Aufgebot des Naziregimes zu ertragen hatten. Die Stadt platze bald aus allen Nähten. Aus den von den sowjetischen Befreiern eroberten Gebieten flohen die Menschen in Massen, 12 Jahre Propaganda von den „russischen Untermenschen“ hatten eine Angst geschürt, die so sicherlich irrational war. Zudem suchten auch viele Menschen aus den ausgebombten Städten, speziell aus Hamburg, hier Schutz. Zwischen Dezember 1944 und Dezember 1945 erhöhte sich die Einwohnerzahl der Stadt von 67.464 auf 101.157. Was das für die Versorgung mit Wohnraum, Nahrungsmittel, Kleidung und anderen lebensnotwendigen Dingen bedeutete, kann sich sicher jeder vorstellen.

Während also Dönitz mit seiner Bagage in der Marineschule Mürwik dem Schnaps und den Lebensmitteln hinterher trauerte, all das war ja mit seinem „Sonderzug“ verschwunden, hatten die Flensburgerinnen und Flensburger nicht einmal das Notwendigste zum Leben.

Und dann gab es da noch die merkwürdigen Gestalten, die niemand richtig einordnen konnte. Neben denen, die sich im Sonderbereich Mürwik bis zum letzten Atemzug an den Glauben eines deutschen Reiches klammerten, gab es auch noch die Verbrecher, die es in den Jahren davor schon übertrieben hatten. Der Chef der SS, Heinrich Himmler, und Rudolf Höß, Massenmörder und Kommandant des KZ Auschwitz, hatten sich bereits in den Tagen vor dem 07. Mai in Flensburg neue Identitäten zugelegt und versuchten jetzt, ihren Hintern zu retten.

Ihre Mörderbanden aber lungerten weiterhin in der Stadt herum, von Dönitz und seinen sauberen Marinekameraden gedeckt und beschützt. Bereits am 04. Mai hatte es im Flensburger Polizeipräsidium eine große Aktion gegeben. Hunderte von SS-Schergen waren in die Polizeidienststelle hineingegangen, hunderte vermeintlich unbelastete Politzisten mit unverfänglichen Uniformen und gefälschten Papieren wieder herausgekommen.

Viele von ihnen waren immer noch in der Stadt. Gemeinsam mit ihren Kumpanen aus der Sonderzone wüteten sie besoffen in den Straßen, belästigten die Flensburger Frauen oder trieben es mit den mitgebrachten Marinehelferinnen in den dunklen Ecken der Stadt. Mit dem Anstand der Soldaten war es ebenso nicht weit her wie mit dem ohnehin nicht vorhandenen der SS-Mörder. Die Polizei brauchten sie nicht zu fürchten, die stellten sie mittlerweile zum großen Teil ja selbst. Der Historiker Stefan Link hat wissenschaftlich akribisch beschreiben, wie sich aus diesem Dreckspack später die Schleswig-Holsteinische Nachkriegspolizei entwickelte.

Auch wenn diese Geschichte mit Sex und Suff begann, hatte sie langwierige Folgen. Der Weg großer Teile des Nazipacks nach Flensburg wurde später mit dem Begriff „Rattenlinie Nord“ beschrieben. Nur wenige Tage nach dem 07. Mai 1945 wurde z.B. Werner Heyde, einer der Hauptverantwortlichen für die Ermordung hunderttausender Unschuldiger im Rahmen der NS-Euthanasie, in das Faarhuslager in der Nähe von Flensburg gebracht. Von hier aus gelang es ihm, die alten Netze zu reaktivieren und ab 1949 unter dem Namen Fritz Savade eine Karriere als angesehener nervenärztlicher Gutachter aufzubauen, obwohl beinahe alle, die mit ihm zu tun hatten, über seine Vergangenheit Bescheid wussten.

All das nahm seinen Anfang in den ersten Maitagen des Jahres 1945 unter der schützenden Hand des in Flensburg residierenden Admirals Karl Dönitz.


06. Mai - Ein ruhiger Tag - Zeit um Legenden zu stricken

Foto: N. Simonsen CC BY-SA 3.0 (Aufs BIld klicken für mehr Details)

Der 6. Mai 1945 ist in weiten Teilen Deutschlands und Europas wohl ein ruhiger Sonntag. Flensburg war am Vortag von den britischen Streitkräften besetzt worden, nur den Ortsteil Mürwik, in dem Dönitz und seine Bande die Überreste des Deutschen Reichs im wahrsten Sinne des Wortes „verwesten“, ließen die Befreier unangetastet.

Hier, wie an vielen anderen Orten in Deutschland auch, fingen die Verbrecher in Partei, SS, Heer Marine und Luftwaffe an, die Legenden zu stricken, die ihnen in der Nachkriegszeit meist ihre Karrieren als „lupenreine Demokraten“ ermöglichen sollten.

An diesem Tag enthob Karl Dönitz den Schleswig-Holsteinischen Gauleiter Hinrich Lohse, seines Amtes als Oberpräsident des Landes. Lohse war einer der übelsten Schlächter der Nazis, einer der Hauptverantwortlichen für den Genozid in Osteuropa gewesen.

Keine Rede war hier von einem Kriegsgerichtsprozess, Lohse wurde entlassen und bekam die Chance an seiner Legende zu stricken. In teilweise absurd geführten Entnazifizierungs- und Strafprozessen wurde Lohse als eine Art gehobener Mitläufer eingestuft und niemals für seine Verbrechen gegen die Menschheit bestraft.

In Prag fand an diesem Tag ein Massaker statt, bei dem 41 unbewaffnete Frauen, Kinder und alte Männer abgeschlachtet wurden. Der Verantwortung hierfür verdächtigt wurde Hans-Martin Schleyer, der zu diesem Zeitpunkt als Leiter des Präsidialbüros des "Centralverbandes der Industrie für Böhmen und Mähren" für die wirtschaftliche Ausbeutung dieses Gebietes zuständig war. Schleyer residierte in einer „entjudeten“ Villa in Prag. Nach dem Krieg konnte er mit Hilfe der Zeugenaussage seines Vorgängers im Amt den Eindruck erwecken, er hätte Prag bereits am 05. Mai dauerhaft verlassen. Für seine Verbrechen wurde er nicht etwa bestraft, sondern nach dem Krieg zum Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und zugleich der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände gewählt.

In den siebziger Jahren wurde Schleyer von Mitgliedern der RAF entführt und ermordet.

In Ebensee im heutigen Österreich wurde an diesem Tag das Außenlager des KZ-Mauthausen von amerikanischen Truppen befreit. Die Befreier fanden mehr als 18.000 Häftlinge, die in einem erbärmlichen Zustand waren.

Das Lager war eingerichtet worden, damit die Häftlinge einen nahegelegenen Berg so bearbeiten, dass dort ein Raketen-Entwicklungswerk entstehen kann. Otto Riemer, der Lagerkommandant hatte besonderen Spaß daran, seine Dogge auf die Häftlinge zu hetzen und dabei zuzusehen, wie diese die geschwächten Menschen zerfleischte. Am 6. Mai 1945 war Riemer bereits durch Anton Ganz ersetzt worden. Dieser hatte am Vortag angeordnet, dass die Häftlinge sich in die Stollen begeben sollten, die sie selbst in den Berg gegraben hatten. Der Plan war, die Stollen anschließend mit Sprengstoff zum Einsturz zu bringen. Die Häftlinge widersetzten sich diesem Plan, die SS-Leute, wohl ebenfalls schon in Sorge um ihre Karrieren nach dem Krieg, schafften es nicht, den Befehl durchzusetzen.

Über den Verbleib von Riemer und Ganz ist ohne größeren Aufwand nichts herauszufinden. Vermutlich waren sie in der zu diesem Zeitpunkt von Dönitz angeführten Vernichtungsstruktur einfach zu kleine Lichter.

Aber auch das geschah am 6. Mai 1945: In Hannover findet unter der Leitung Kurt Schumachers die Wiedergründung des Ortsverbandes der Sozialdemokraten statt.

In Flensburg hingegen hatte Wolfgang Lüth, Kampfkommandant der Stadt, am Vortag noch unmittelbar vor dem Eintreffen der englischen Befreier verfügt: „Alle Soldaten und die Zivilbevölkerung sind sofort darauf hinzuweisen, dass es mit der aufrechten Haltung eines deutschen Menschen und dem Stolz eines Nationalsozialisten nicht zu vereinbaren ist, wenn der vordringende Feind durch Tücherwinken oder ähnliche Handlungen begrüßt wird“.

Ähnlich skurril wie diese Ansage war auch das unselige Ende dieses Nazi-Karrieristen in der Kriegsmarine. Er hatte für das Wachbataillon im Sonderbereich Mürwik den Befehl ausgegeben, auf jeden sofort zu schießen, der auf Anruf die Parole nicht nennt. Wenige Tage später wird genau er angerufen und nennt die Parole nicht, folgerichtig wird er von den Soldaten erschossen. Dass er dabei sturzbetrunken war, ist angesichts der Qualität der Marineoffiziere dieser Zeit kaum noch der Erwähnung wert.

Lüth erhielt das letzte „Staatsbegräbnis“ des untergehenden Reiches, bei dem Karl Dönitz persönlich die Trauerrede absonderte. Am Volkstrauertag 1957 ließ der Korvettenkapitän Karl Peter, zu diesem Zeitpunkt Abteilungskommandeur der Marineschule Mürwik, auf deren Gelände einen Gedenkstein setzen, der an Lüth, unter dem Peter im Krieg „gedient“ hatte, erinnern soll.

An den im Suff eher verunfallten als gefallenen „Kriegshelden“ wird dort bis heute erinnert, wenn auch seit einigen Jahren der Stein mit einer „erklärenden Tafel“ versehen worden ist. Für die Opfer von Dönitz und der gesamten Nazi-Marine-Bande ist in der Erinnerungskultur der Bundesmarine anscheinend bis heute kein geeigneter Platz vorhanden.

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Foto: N. Simonsen unter CC BY-SA 3.0)


05. Mai - Nach Kriegsende in Dänemark erschossen

Foto:Stolperstein Alfred Gail.jpg - Uploaded by Kai Oesterreich under CC BY-SA 3.0 (Aufs Bild klicken für mehr Details)

Nicht nur in Flensburg, auch in unserem Nachbarland Dänemark waren die ersten Maitage des Jahres 1945 unruhig. Am Morgen des 05. Mai war die „Teilkapitulation“ der deutschen Armee in Kraft getreten. Hiermit war besiegelt worden, was ohnehin längst feststand: Die Nazi-Truppen waren auf ganzer Linie vernichtend geschlagen. Über das warum und weshalb diskutieren Historiker seit langem. Mir leuchtet es ein, dass fanatische Rassisten und Antisemiten nicht nur einen schlechten Charakter, sondern auch reichlich wenig Grips in der Birne haben. Wenn man diese nun bevorzugt zu Militärführern macht, ist das Ende eigentlich bereits vorhersehbar. Doch zurück zum 05. Mai, zurück nach Dänemark.

Am Abend nach der Kapitulation saßen auf der Insel Fünen vier junge deutsche Marinesoldaten bei einem Kameradschaftsabend zusammen. Der 20-jährige Kasseler Alfred Gail, und seine Kameraden Fritz Wehrmann (26, Leipzig), Martin Schilling (22, Ostfriesland) und Kurt Schwalenberg.

Sie wussten, dass der Krieg verloren war, sie wussten auch, dass Dönitz seine Offiziere auf den Timeloberg bei Lüneburg geschickt hatte, um dort gegenüber dem englischen General Montgomery die Kapitulation zu erklären. Sie hatten kurz zuvor von ihrem Kommandeur erklärt bekommen, dass sie wohl den Engländern übergeben werden und in ein Kriegsgefangenenlager gebracht werden würden. Also fassten sie einen Entschluss. Sie wollten der Gefangennahme durch die Engländer entgehen und sich nach Deutschland durchschlagen, um ihre Familien zu Hause zu beschützen und zu versorgen.

Noch am gleichen Abend setzten sie den kühnen Plan in die Tat um. Sie setzten sich mit einem Boot auf das Festland ab. Doch schon kurz darauf wurden sie gestellt. Nicht etwa von deutschen Naziführern, die hatten schon zum größten Teil im Flensburger Polizeipräsidium die SS-Uniformen gegen solche der Polizei getauscht und bereiteten sich auf ihre Karrieren als lupenreine Demokraten im Nachkriegsdeutschland vor.

Nein, die vier jungen Männer wurden von einer Gruppe bewaffneter Dänen gestellt, umgehend zurück nach Svendborg auf Fünen gebracht und den deutschen Truppen übergeben. Um das „Warum“ dieser Auslieferung ranken sich viele Gerüchte, Tatsachen dazu gibt es anscheinend keine.

Zurück bei ihrem Verband kamen die Männer in die Gewalt des Kommodore der Schnellbootwaffe, Kapitän zur See Rudolf Petersen. Er fackelte nicht lange und setzte für den 09. Mai ein Kriegsgerichtsverfahren an. Dass am 07. Mai in Reims die bedingungslose Kapitulation des deutschen Reiches unterschrieben und dieser Akt am 08. Mai in Karlshorst bei Berlin wiederholt wurde, machte den Männern zwar Hoffnung, es half ihnen aber nichts.

Auch der Befehl des englischen Befehlshabers Montgomery, dass vor der Vollstreckung von Todesurteilen das Einverständnis der Siegermächte einzuholen sei, half ihnen nicht. Obwohl der pflichtbewusste Kommodore bereits die deutschen Kriegsflaggen von seinen Schiffen hatte einholen lassen wurden drei von ihnen in einem Schnellgerichtsverfahren, ohne Rechtsbeistand, zum Tode verurteilt. Lediglich Schwalenberg gelang es, sich selbst zu verteidigen und dem Todesurteil zu entkommen.

Am Morgen des 10. Mai wurden Alfred Gail, Fritz Wehrmann und Martin Schilling an Bord des Schiffes Buea durch eine Salve und einen anschließenden „Gnadenschuss“ ermordet und in der Ostsee versenkt.

Dem Kapitän zur See und Eichenlaub zum Ritterkreuz-Träger Rudolf Petersen machte diese Gräueltat wohl kaum Gewissensbisse. Schon kurze Zeit später ließ er sich in Flensburg nieder und begann eine berufliche Tätigkeit als Handelsvertreter. 1953 wurde ihm und den anderen Mitgliedern seines Kriegs-“Gerichtes“ in Hamburg der Prozess gemacht. Wie nicht anders zu erwarten wurden alle von den Vorwürfen des Totschlags und der Rechtsbeugung freigesprochen. Die Mutter von Alfred Gail beging daraufhin Selbstmord indem sie sich mit Gas vergiftete. Der Mutter von Fritz Wehrmann, Anna Wehrmann, bricht das Urteil das Herz. Sie verliert kurz darauf den Verstand und verbringt die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens in einem Heim.

Petersen war danach von Juni 1953 bis Anfang 1958 Leiter der Hanseatischen Yachtschule in Glücksburg des Deutschen Hochseesportverbandes HANSA e.V. Außerdem war er (wen wundert es?) Mitarbeiter beim Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr.

Nach seiner Pensionierung lebte Petersen viele Jahre lang unbehelligt in der Angelburgerstraße in Flensburg. Am 31.12. 1982 öffnete er seine Wohnungstür. Davor standen Jugendliche, die ihm Silvesterknaller ins Gesicht warfen. Im Unterschied zu den von ihm ermordeten jungen Männern war er auf diesen Anschlag nicht vorbereitet. Er erlitt einen schweren Schock und verstarb am 02. Januar 1983 an dessen Folgen. Kein Pfarrer verwehrte ihm die letzte Ruhe auf dem Adelbyer Friedhof.

Kurze Zeit darauf stirbt auch Anna Wehrmann, deren Leben Petersen ebenfalls zerstört hatte.


04. Mai 1945 - Ein Sonderzug für Dönitz

Foto: Imperial War Museums - Nr. BU 5208 (Bild klicken für mehr Infos)

Am 04. Mai 1945 unterzeichnen Generaladmiral von Friedeburg und Generalfeldmarschall Montgomery die Kapitulation der deutschen Truppen in Nordwestdeutschland, Dänemark und Holland. Diese so genannte „Teilkapitulation“ trat am 5.5. um 7 Uhr in Kraft.

An diesem Tag nahm in Flensburg Karl Dönitz den so genannten „Regenbogenbefehl“ zurück. Dieser Befehl, den er selbst am 30. April erlassen hatte, ordnete an, alle Schiffe und U-Boote, die nicht für die Fischerei zu verwenden waren, zu vernichten, um sie „nicht dem Feind in die Hände fallen zu lassen“.

Viele Unterbefehlshaber ignorierten die Aufhebung des Befehles. So wurden in der Geltinger Bucht auf Befehl des Kapitäns zur See Rudolf Petersen 47 U-Boote versenkt. Petersen gelangte allerdings in den nächsten Tagen wegen wesentlich ekelhafterer Taten traurige Berühmtheit. Davon aber später.

Zunächst geht es um den Kapitänleutnant Asmus Jepsen aus Neukirchen bei Flensburg. Jepsen war der Befehlshaber von Dönitz „Sonderzug“, einem Zug der diesem persönlich zur Verfügung stand. An Bord waren, neben Nachrichtentechnik, vor allem Dönitz gehörende „persönliche Gegenstände“ und massenweise Lebensmittel (man erinnere sich an das Datum, ganz Europa hungerte zu dieser Zeit!) Jepsen hatte den Auftrag, diesen Zug durch die Wirren der letzten Kriegstage von Potsdam nach Flensburg zu befördern.

Das ging auch bis nach Eckernförde gut, dort blieb der Zug am 03. Mai stecken, weil keine Lokomotive mehr verfügbar war. Jepsen hört dort natürlich von den Ereignissen in Flensburg und er hörte auch, dass die Stadt in den nächsten Tagen kampflos den Briten übergeben werden sollte. So tat er das einzig Richtige, er versammelte am 04. Mai seine Untergebenen, entließ sie aus dem Dienst und schickte sie nach Hause.

Mit einigen seiner Männer verhinderte er die Plünderung des Zuges und schaffte es anschließend, einige der Waggons an einen Zug anzuhängen, der nach Sörup fuhr. Er selbst ging – begleitet von Soldaten, die ebenfalls aus der Gegend kamen – mit an Bord und erreichte am 05. Mai Sörup.

Dort übergab er den Zug an einen anderen Offizier, schickte den Rest seiner Leute nach Hause und machte sich auf den Weg zu seiner Familie nach Neukirchen. Dort meldete er sich pflichtgemäß bei der Polizei. In Flensburg hatte Dönitz mittlerweile erfahren, dass sein arg gerupfter Sonderzug – natürlich waren in den Wirren mengenweise Lebensmittel Und Persönliche Dinge verschwunden – angekommen war.

Noch am gleichen Tag wurde Asmus Jepsen festgenommen, vor ein Kriegsgericht gestellt, am 06. Mai standrechtlich erschossen und in der Nähe des Mordplatzes verscharrt. „Gerichtsherr“ bei diesem „Verfahren“, also verantwortlich für das Todesurteil und somit Auftraggeber des Mordes an Asmus Jepsen war vermutlich Bernhard Rogge, später Konteradmiral der Bundesmarine, Befehlshaber im Wehrbereich Schleswig-Holstein/Hamburg und nach seinem Ausscheiden Berater für Fragen der Zivilverteidigung bei den Landesregierungen in Schleswig-Holstein und Hamburg. Diesem konnte das allerdings nie nachgewiesen werden. Das war allerdings auch nicht von Bedeutung, denn in anderen Fällen, z.B. in dem des Johann Süß, in denen Rogge als Schuldiger feststand, kam es zuverlässig zur Einstellung der Verfahren.

Karl Dönitz gab in den sechziger Jahren immerhin zu, von dem Urteil gegen Asmus Jepsen gewusst und diese gebilligt zu haben. Folgen hatte das für ihn nicht. Er konnte weiterhin die Schmierenkomödie vom „braven Soldaten“ aufführen, der eben auf Grund der Umstände politische Verantwortung übernehmen musste.

Noch in der Nacht seiner Ermordung gruben Asmus Jepsens Angehörige seine Leiche aus und brachten sie nach Adelby, um ihn auf dem dortigen Friedhof bestatten zu lassen. Der evangelische Pfarrer verweigerte ihnen dies, schließlich sei Jepsen „ein Deserteur und dem Vaterlande in den Rücken gefallen“.

Nach Asmus Jepsen wurde (ich weiß leider nicht, wann) eine Straße in Flensburg-Mürwik benannt. 2011 wurde seiner in Neukirchen gedacht. Die Gemeinde und die Kirchengemeinde finanzierten einen Gedenkstein, der auf dem dortigen Ehrenfriedhof an ihn erinnert. Die Bundeswehr hat weder eine Kaserne nach ihm benannt, noch seiner auf eine andere Art und Weise gedacht. Derlei Ehrungen blieben Typen wie Karl Dönitz und Bernhard Rogge vorbehalten.


03. Mai 1945 - Die Reichsregierung in Flensburg

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-V00538-3 / CC-BY-SA (Bild klicken für mehr Details)

Heute vor siebzig Jahren nahm in Flensburg die geschäftsführende Reichsregierung unter Karl Dönitz ihre Arbeit auf. Zum Zeichen ihres sensiblen Umgangs mit historischen Daten erinnert die Stadt Flensburg daran mit der Ausrufung eines verkaufsoffenen Sonntags…

Entgegen landläufiger Meinung war Dönitz nicht der letzte Reichskanzler, er wurde von Hitler in seinem Testament zum Reichskanzler ernennt, ein Vorgang, der selbst nach der Nazi-Gesetzgebung nicht legal war.

Während im ganzen „Deutschen Reich“ ja der Befehl galt, die Heimat sei bis zum „letzten Blutstropfen“ tapfer zu verteidigen und Millionen Menschen daran gehindert wurden, vor den Kriegshandlungen zu fliehen, war das für die höheren Chargen des Regimes natürlich nicht verbindlich.

Anfang Mai 1945 befanden sich fast alle höheren Führer von Partei, Militär, Polizei und SS nicht mehr im umkämpften Berlin sondern im friedlichen Schleswig-Holstein. Dönitz erreichte die Nachricht von seiner Ernennung im beschaulichen Örtchen Plön in der holsteinischen Schweiz.

Dönitz beauftragte dann von Krosigk mit der „Regierungsbildung“ und versuchte ansonsten vor allem, sich selbst und seiner Verbrecherbande den Hintern zu retten. Mit der Ausrede, man müsse Zeit gewinnen, um noch möglichst viele Soldaten und Zivilisten aus den Ostgebieten in den Westen des geschlagenen Landes bringen, ließ er weiter Truppen mobilisieren und in die Kampfgebiete bringen.

Widersetzten sich Soldaten diesem sowohl militärisch wie auch menschlich völlig sinnlosen Befehl, wurden sie mit Dönitz Billigung von Schnellgerichten verurteilt und hingerichtet. Nicht nur Wolfgang Schäubles Vorbild Filbinger wütete also zu der Zeit als „furchtbarer Jurist“, auch im Flensburger Raum wurden noch Tage und Wochen nach Kriegsende solche Unrechtsurteile vollstreckt. Jochen Missfeldt hat dies in seinem Roman „Steilküste“ anschaulich beschrieben.

Natürlich schaffte der Feigling Dönitz es, in Nürnberg alle Schuld von sich zu weisen (man wundert sich im Nachhinein fast noch, dass er nicht als Verfolgter eingestuft wurde) und lediglich zu einer zehnjährigen Zuchthausstrafe verurteilt zu werden. Anstatt also neben Keitel am Galgen zu baumeln, wie es sich gehört hätte, lebte er friedlich seine Pension genießend noch bis 1980 in Schleswig-Holstein.

In den Nachkriegsjahren schaffte er es sogar noch, die Legende von sich selbst als „unpolitischem Soldaten“ zu stricken. Als der damalige Verteidigungsminister Hans Apel es den Bundeswehrsoldaten verbot, in Uniform an Dönitz Beerdigung teilzunehmen, löste diese Entscheidung innerhalb der Armee einen Proteststurm aus. Noch heute verehren deutsche Militärs den sowohl militärischen als auch politischen Vollversager Dönitz als soldatisches Vorbild.

Das alles wird beim verkaufsoffenen Sonntag am 03. Mai 2015 wohl leider nicht thematisiert.